Konsumverhalten: Buchneuerscheinungen im März

Zwei Buchneuerscheinungen in diesem Monat finde ich lesenswert:
©Julia Post

Vor zwei Jahren gründete Julia Post das Projekt „Coffee to go again“ (s. Artikel und Interview), nun hat die 27-Jährige dem Coffee to go ein ganzes Buch gewidmet. Einerseits schildert sie darin ihre eigenen Erfahrungen, wie es ihr gelang, aus einer Idee eine bundesweite Bewegung zu entwickeln und gibt Tipps zum Nachmachen. Andererseits öffnet sie den Blick für das große Ganze. Denn für die Politikwissenschaftlerin ist der Coffee-to-go-Becher nur ein Symbol für unsere Konsumwelt und unseren Lifestyle: Kaufen, gebrauchen, wegwerfen. To-go-Mentalität statt sich Zeit nehmen für bewusstes Erleben.

Missionarisch wirkt das Buch aber nicht. Denn die Autorin zeigt, dass umweltbewusstes Handeln keine Spaßbremse ist. Wir setzen damit nur andere Trends. Ob es der Kauf von Recyclingpapier ist oder Coffee to go aus dem Mehrwegbecher: Jedes für sich genommen sei ein kleiner, persönlicher Beitrag, die Umwelt zu entlasten und könne die Initialzündung für ein Umdenken in der Gesellschaft geben.

Rund die Hälfte des Buches besteht aus Interviews, in denen Julia diejenigen zu Wort kommen lässt, denen sie während ihrer Projektarbeit begegnet ist und die damit im Zusammenhang stehen: Die Initiatoren der Pfandsysteme Boodha – just swap it! in Berlin und Recup in Rosenheim, die über Herausforderungen ihres Projekts berichten und über politische Lösungen für das Problem Einwegbecher sprechen. Markus Sauerhammer von Startnext, der die noch relativ unbekannte Möglichkeit der Projektfinanzierung über Crowdfunding erläutert. Franziska Gruber von der Organisation Whale and Dolphin Conservation, die über Folgen des Plasikmülls in den Meeren aufklärt. Und viele andere… Sämtliche Aspekte des Coffee to go beleuchtet sie, von den Auswirkungen auf die Umwelt über das Design von Porzellanbechern und Fair-Trade-Kaffee bis hin zu gesellschaftskritischen Betrachtungen unserer To-go-Mentalität.

Empfehlenswert für alle, die:

  • selbst gerne ein Projekt auf die Beine stellen möchten
  • wissen möchten, was der Coffee-to-go-Becher mit dem Walsterben zu tun hat
  • unsicher sind, ob die Fair-Trade-Banane in der Plastikverpackung besser ist als die lose angebotene Bio-Banane und was sie sonst noch alles falsch machen können
  • auf dem Sofa sitzen und über alles schimpfen

Julia Post: Besser machen statt besser wissen – Mehr Mut zum Handeln in der Klimapolitik. Selbstverlag, 14,90 Euro, ISBN: 978-3-00-055738-5. Online-Bestellungen hier.

Essays zum Thema Konsum
©Oekom-Verlag

In seinem Buch „Dem Übermaß mit Maß begegnen“ untersucht Franz Hochstrasser laut Klappentext viele unterschiedliche Aspekte unserer Art zu konsumieren und kommt zu teils überraschenden Ergebnissen, etwa wenn er »konsumistische Färbungen« in Prozessen des Alterns und des Alters entdeckt. Er beobachtet ferner, dass Menschen zu oft wegen nicht eingehaltener Warenversprechen als Getäuschte zurückbleiben. Und stellt die grundlegende Frage, warum wir uns als autonome Subjekte überhaupt in die »freiwillige Knechtschaft« einer konsumistischen Alltagswelt begeben. Eine Leseprobe gibt es hier. Sie beinhaltet einen Ausschnitt des achten Kapitels und beschäftigt sich mit der Perspektive Verzicht. Dieser bedeutet nicht immer „weniger“. Beispiel: Autos. Elektroantriebe treten an die Stelle von Benzinern und Dieseln, statt ein komplett neues gesellschftliches Mobilitätskonzept zu entwickeln, kritisiert Hochstrasser. Der Kapitalismus und unser ewig angestrebtes Wachstum lassen es nicht zu.

Interessant und gleichzeitig amüsant ist auch der nachfolgende Exkurs zur Verzichtsgesellschaft. Weil uns die stets übervollen Regale in Supermärkten und Kaufhäusern nicht mehr reizen, stelle sich Leere ein, die die Wirtschaft einfach mit neuen Produkten der Askese fülle, etwa cholesterinarme und zuckerfreie Lebensmittel. Der wahre Verzicht entstehe aber aus Zwängen: Verzicht auf Ruhe beim Einkaufen im Supermarkt, weil Kunden permanent mit Musik beschallt werden, Verzicht auf saubere Luft, weil Industrie und Verkehr Schadstoffe produzieren und andere Beispiele. Nach der Lektüre frage ich mich:

Wieso merken so wenige Menschen, welches Spiel da mit ihnen gespielt wird und warum wehren wir uns nicht gegen diese konsumistische Alltagswelt?

Franz Hochstrasser: Dem Übermaß mit Maß begegnen. Oekom Verlag, 224 Seiten, 19,95 Euro, ISBN: 978-3-96006-000-0

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