Konsumwahn: Ein Designer analysiert

Seit Jahrzehnten warnen Soziologen, Wissenschaftler, Philosophen und Umweltexperten vor den Folgen des wirtschaftlichen Wachstums und dennoch geht der Konsumwahn in der westlichen Welt nahezu ungebremst weiter. In seiner Bachelorarbeit ging der Kommunikationsdesigner Frederik Mair den Ursachen auf den Grund – und begann mit einer Inventur seiner eigenen Besitztümer.

©sf

 

Frederik lehnt sich auf dem Sofa zurück. Zu Jeans und hellblauem Hemd trägt er hellbraune, geschnürte Halbstiefel. Seine einzigen Winterstiefel. Auf Seite 50 seiner Bachelorarbeit hat er sie fotografisch dokumentiert, zusammen mit seinen Turnschuhen, Wasserschuhen, Hausschuhen, Haferlschua, Flipflops, feinen Lederschuhen – zwölf Paar Schuhe insgesamt. Zwölf von 6322 Besitztümern. Zwölf von 6322 Fotos, unterteilt in 13 Kategorien. „Ich habe einen Monat gebraucht, um alles zu fotografieren“, sagt er grinsend. Mitten in seinem Zimmer richtete er sich dafür ein provisorisches Fotoatelier ein. Einen weiteren Monat benötigte er für das Layout. Seine Bachelorarbeit, die er im Rahmen seines Studiums an der Hochschule München verfasste, hat er binden lassen. Der Wälzer liegt vor uns auf dem Tisch: So groß wie ein alter Schulatlas und 410 Seiten stark.

Dass weder Waschmaschine noch Geschirr darin abgebildet sind und die Kategorie Lebensmittel nur sechs Produkte enthält, ist dem Umstand geschuldet, dass er mit seiner Mutter und seinem Bruder zusammenlebt.

Grafik: ©Frederik Mair

Dagegen ist die Kategorie Freizeit mit 2051 Dingen prall gefüllt, 1488 sind es bei „Ausbildung“, Kindheitsreliquien besitzt er 1481, meist Zeichnungen. Doch was ist der Sinn dieser Zahlen? „Ich beschäftige mich schon längere Zeit mit dem Thema Konsumwahnsinn und seinen Folgen. Irgendwann habe ich mir einige Fragen gestellt“, erklärt der 24-Jährige. Zum Beispiel: Was sagen die Dinge, die wir besitzen, über uns aus? Besitzen wir die Dinge oder besitzen sie uns? Was wären wir ohne unsere Dinge?

Klare Sache bei Frederik: Zig Schallplatten und CDs samt Abspielgeräten und Zubehör zeugen von seiner Leidenschaft, dem Auflegen und Hören von Musik. Badehosen, Snowboard und Basketball-Kleidung von seinen sportlichen Aktivitäten. Die riesige Sammlung an Künstlerbedarf und Kunstliteratur von seinem kreativen Schaffen.

Sein Fazit: „Ich identifiziere mich über mein kreatives Tun“. Ohne diese Dinge wäre er nicht Frederik Mair.

Die eher überschaubare Garderobe lässt darauf schließen, dass der Designer keinen großen Wert auf Äußeres legt. Er lacht. „Das stimmt. Shoppen interessiert mich nicht“. Mehr als ein Paar Winterschuhe brauche er nicht. „Die trage ich, bis sie kaputt sind und dann kaufe ich mir neue“.

Statussymbole wie teure Uhren oder Markenoutfit sucht man bei ihm – fast vergebens. Die „Hyperdunk“ von Nike stehen bei ihm symbolisch dafür, dass er ein guter Basketballer sein und bleiben möchte.

Konsum als „Wettrüsten“ gegen Freunde und Nachbarn

Warum sind ständig neue Klamotten, der Porsche oder andere Dinge vielen Menschen so wichtig? „Der Mensch ist ein soziales Wesen und lebt bis auf wenige Ausnahmen in sozialen Gefügen und Gesellschaften. Der Wettbewerb und das Vergleichen mit anderen ist ihm schon in die Wiege gelegt“, erklärt Frederik. „Dass man besser oder reicher ist als der Nachbar oder Freunde, wird über entsprechende Konsumgüter ausgedrückt, die damit eine symbolische Rolle einnehmen. Andere Beweggründe können auch Neid oder der Wunsch, zu einer bestimmten Gruppe dazuzugehören, sein“. Für seine Bachelorarbeit hat er viele Bücher zum Thema gelesen. Gelernt hat er daraus: Es gibt viele Ursachen für Konsumwahn. Psychische und individuelle, soziale, gesellschaftliche und wirtschaftliche.

Seite 79 aus Frederiks Bachelorarbeit.

 

Als „selbstbestimmt und kritischer als andere“ bezeichnet Frederik Mair sein eigenes Konsumverhalten, „das durch die Bachelorarbeit noch einmal verstärkt wurde“. Dennoch gibt er zu, dass er sich dem Konsum nicht ganz entziehen kann. „Dinge steigern ja auch deine Fähigkeiten. Ohne mein Macbook hätte ich meine Abschlussarbeit nicht in dieser Form machen können“. Ohne Auto keine selbstbestimmte Mobilität, ohne Wecker kein pünktliches Aufstehen. Und so weiter. Allerdings ergebe sich daraus auch eine Abhängigkeit. Und die Werbeindustrie mache sich genau das zunutze, indem sie den Menschen suggeriert, ohne dieses oder jenes Produkt nicht wettbewerbsfähig oder weniger wert zu sein. Was ihm Sorgen bereitet, ist das Internet der Dinge. „Schon jetzt werden auf allen Geräten persönliche Daten von uns gespeichert. Wenn künftig auch noch alle Geräte in einem Haushalt miteinander kommunizieren, können wir immer mehr manipuliert werden und immer weniger selbstbestimmt leben“.

(Zitat aus der Bachelorarbeit von Frederik Mair.)

Das ist nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist: Für jedes Produkt braucht es Rohstoffe – und die werden immer knapper. Wahrend seiner Arbeit schaute Frederik viele Kabarett- und Politiksendungen. Seine Erkenntnis daraus: „Dass unsere Konsumgesellschaft gegen die Wand fährt, uns zu einem kaputten Planeten Erde und unglücklichen Menschen führt, von denen 80 Prozent verarmt sein werden“.

Manipulation durch Werbung

Doch offenbar interessiert das kaum jemanden oder es ist nur wenigen Menschen bewusst. Warum sonst wird so viel gekauft und vor allem so Vieles, was wir zum Leben gar nicht bräuchten? „Laut Erich Fromm in seinem Buch „Sein oder Haben“ braucht der Mensch ständig neue Reize, weil er sich mit dem, was er hat, schnell langweilt. Dabei geht es aber nicht einmal um das Produkt selbst, sondern um den Akt des Kaufens, der die Begierde nach Neuem befriedigt und gleichzeitig das Bedürfnis, über etwas die Herrschaft zu erlangen“, erklärt Frederik. Außerdem habe der Mensch grundsätzlich eine „Neigung zur Unersättlichkeit“ schreiben Robert und Edward Skidelsky in ihrem 2013 erschienenen Bestseller „Wie viel ist genug?“.

Der Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich sehe eine Steigerung unserer Konsumsucht durch Werbung. Die Produkte würden mit „Verheißungspotenzial aufgeladen“. Edward und Robert Skidelsky sprechen sogar von einer „Manipulation der Begierden“. „Während eines Praktikums in Portugal habe ich mit jemandem zusammengewohnt, der eine Software entwickeln sollte, mit der sich der Musikgeschmack von Menschen ändern lassen kann“, erzählt Frederik. Das sei schon gruselig, wie man durch solche mächtigen Werbetools die Leute manipulieren könne. „Meine Sinnkrise als Kommunikationsdesigner habe ich nur durch den Gedanken überwunden, dass es ja auch gute Produkte gibt, hinter deren Bewerbung ich stehen kann“.

Doch nicht nur soziale, psychische und individuelle Faktoren sowie Werbung verursachen maßlosen Konsum. Viele Produkte werden bewusst so hergestellt, dass sie schnell kaputt gehen und nicht repariert werden können. So ist der Nutzer gezwungen, sich ein neues Produkt zu kaufen. Dies sowie das große Angebot an Billigwaren hat zu einer Wegwerfgesellschaft geführt, in der Dinge nur noch einen geringen Wert haben.

Drei Alternativen zum „Mehr“

Frederik hat aber Hoffnung, dass sich etwas ändert: „Viele meiner Freunde schauen immer mehr auf die Nachhaltigkeit von Produkten. Das Bewusstsein dafür wächst“. In seiner Bachelorarbeit zeigt er auf, wie es außerdem gehen kann: „Lebenszufriedenheit neu definieren, sie nicht von Materiellem abhängig machen“. Zweitens: Arbeit und Muße genießen. „Wenn die Arbeit nicht nur dazu dient, seinen Wohlstand auszubauen, sondern Selbstverwirklichung und Muße bedeutet, relativiert sich auch der Konsumzwang“, so Frederik. Und nicht zuletzt würden Reformen in Wirtschaft und Politik zu einem verantwortungsvolleren Konsum führen.

6322 Dinge besaß Frederik zu Beginn seiner Arbeit, 5203 blieben nach der Inventur übrig. 1119 verschenkte er oder warf sie weg.

Viele Dinge, die ihm wichtig sind, kann man nicht kaufen: Ein Gemälde seines verstorbenen Vaters, Briefe an ihn, selbstgebastelte Geschenke von Freunden, seine Kinderzeichnungen. „Die hebe ich auf, weil ich denke, da kann man noch etwas daraus machen“, sagt er fast verlegen. Neue Kunstprojekte etwa. Ja, die Bachelorarbeit sage sehr viel über ihn aus, sei sehr persönlich. „Das war mir zu Beginn gar nicht bewusst“, gibt er zu. „Aber wenn ich damit einige Menschen dazu bewegen kann, sich mehr Gedanken über ihr eigenes Konsumverhalten zu machen, dann nehme ich das gerne in Kauf. Denn dann habe ich das Ziel dieser Arbeit erreicht“.

Die gewünschte Resonanz erhielt er bereits auf zwei Ausstellungen in München, in denen er sein Werk präsentierte. Eine Dritte ist nun im Mai beim Evangelischen Kirchentag in Berlin geplant.

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