Leuchtendes Vorbild: Lumbono fertigt Lampen aus alten Segeln

Mit Lampen aus alten Segeln ist Andrea Flotzinger und Britta Drummer der Durchbruch auf dem Upcycling-Markt gelungen. 2014 gründeten sie ihre Firma Lumbono, ein leuchtendes Vorbild für nachhaltige Produktion. Ein Besuch der Werkstatt in Stockdorf bei München zeigt: Man kann Idealist sein und trotzdem profitabel arbeiten.

Die mit Kopfstein gepflasterte Einfahrt führt in einen kleinen, wild-romantischen Hinterhof, umgeben von Blumenbeeten, Sträuchern und Rosen. Am Ende: ein flaches Gebäude mit riesigem Sprossenfenster. Im Vorraum hängen Jacken an einer orange getünchten Holzlatte mit eingeschraubten Haken, ein alter Hackstock dient als Beistelltisch für den abgewetzten Ledersessel, leere Weinkisten hängen als Regale für Ordner und Broschüren an der Wand. Gelebtes Upcycling.

Die Werkstatt ist kaum größer als ein Wohnzimmer. In einer Ecke türmen sich alte Stoffe und Weckgläser voller Knöpfe, Reißverschlüsse und anderes Zubehör, überall hängen oder stehen Lampen an den Wänden, in Weinkisten-Regalen sind Hand- und Kosmetiktaschen aus Kaffee- und Postsäcken oder Segeltuch ausgestellt. Mittendrin: ein großer, selbst geschreinerter Tisch. Andrea und Britta sind gerade damit beschäftigt, darauf ein Segel auszubreiten. Einst flatterte es auf einem der bayerischen Seen im Wind, bald werden Teile davon als Lampenschirme ein Studentenwohnheim zieren.

Lampen in Serie: Der Sprung zur GmbH
Andrea Flotzinger und Britta Drummer schneiden aus einem gebrauchten Segel Lampenschirme zurecht.
Andrea Flotzinger und Britta Drummer (v.li.) in ihrer Stockdorfer Werkstatt. ©Sybille Föll

Britta hat zur Schere gegriffen, schneidet den fransigen Rand des Stoffes ab und erzählt: „Das erste Segel hat uns ein Segler vom Chiemsee gebracht. Am Anfang wussten wir nicht so recht was wir damit anfangen sollen. Dann haben wir Strandtaschen daraus genäht. Das Material ist super: Robust, waschbar, steht gut“. Jan Wohlgemuth, Projektleiter studentisches Wohnen bei IC Campus, fand sie toll – und fragte an, ob Andrea und Britta auch 1.000 Lampen aus gebrauchten Segeln für ein neu gebautes Studentenwohnheim produzieren könnten. „Das war der Moment, in dem wir entscheiden mussten: Ablehnen und mit unserer Zick + Zack GbR weitermachen wie bisher oder den Sprung zur GmbH wagen“, erinnert sich Andrea. Die Industrie- und Handelskammer riet ihnen zu Letzterem.

Zick + Zack hatten die beiden Frauen 2006 gegründet und unter diesem Namen andere Upcycling-Unikate mit wachsendem Erfolg verkauft: Röcke aus alten Vorhangstoffen, Kleider aus Uromas Spitze, diverse Taschen aus Kaffee- und Postsäcken. Das tun sie auch weiterhin. Der Großauftrag für IC Campus war mit der GbR aus wirtschaftsrechtlichen Gründen jedoch nicht durchführbar. Innerhalb von sechs Wochen entstand so Lumbono. Der Name ist eine Zusammensetzung aus den Abkürzungen von Lumen (lat: Licht, Leuchte) und bono esse (lat.: vorteilhaft sein).

 
Es werde Licht: Lampenschirme aus Segeln, Post- und Kaffeesäcken. ©sf
Tripod-Traditionsschiff aus gebrauchtem Segel und pulverbeschichteten Präzisionsrohren von der Schmiede Klein. ©lumbono
Tripod-Traditionsschiff aus gebrauchtem Segel und
pulverbeschichteten Präzisionsrohren von der Schmiede Klein. ©lumbono

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Nachhaltig, regional und sozial

Nomen est omen. Vorteile haben die Leuchten viele, nicht nur durch ihr einzigartiges Design: Weil Andrea und Britta nicht alles alleine schaffen, werden die Zuschnitte von den Isar-Würm-Lech-Werkstätten für behinderte Menschen (IWL) im benachbarten Machtlfing vorgenommen, die Visitenkarten-Dessins stammen von der Öko-Druckerei Ulenspiegel aus Machtlfing, der Kunstschmied Stephan Klein aus Unterbrunn fertigt die Lampenfüße – regionale Zusammenarbeit mit kurzen Wegen also, was gut ist für die Umwelt. „Sich mit Leuten zu vernetzen, die nachhaltig denken, ist uns sehr wichtig“, betont Andrea. Auch die LED-Birnen von der Firma Carus sind umweltfreundlich und „made in Germany“. Einziger Wermutstropfen: Die Lampenschirme sind mit einer hitzebeständigen Kunststofffolie beschichtet. Dafür können sie und die farbigen Textilkabel ausgetauscht werden. So hat jeder mehr Gestaltungsfreiheit bei der Einrichtung, ohne die ganze Lampe wegwerfen zu müssen.

Dringend gebrauchte Segel gesucht!

Mittlerweile hat sich das Auftragsvolumen auf 2.000 Lampen erhöht, die ersten 800 sind bereits ausgeliefert. „Für die restlichen suchen wir dringend alte Segel“, sagt Britta. Teilweise mussten sie neuen Stoff kaufen, um den Auftrag erfüllen zu können. Lieber würden sie jedoch beim Upcycling bleiben. Wer sein gebrauchtes Segel abgibt, bekommt pro Quadratmeter eine Vergütung. Man kann aber auch darauf verzichten, dann spendet Lumbono das Geld an „Meere ohne Plastik“, ein Projekt des Naturschutzbund (NABU).

Die Industrienähmaschine aus den 50er-Jahren schnurrt zuverlässig über den Segelstoff. ©sf

Trotz Großauftrag möchten die beiden Frauen ihren Wurzeln treu bleiben. Und die liegen in einer frei ausgelebten Kreativität. „Upcycling habe ich schon gemacht, als noch keiner das Wort kannte“, sagt Andrea, die jetzt an der über 50 Jahre alten Industrie-Nähmaschine sitzt und den ersten Teil des Segels verarbeitet. Kunst war eines ihrer Abiturfächer. Studieren wollte sie aber nicht. So wurde sie Raumausstatterin und Hauswirtschafterin. Auch Britta, gebürtige Hamburgerin und seit über 25 Jahren in Bayern, ging nach dem Abi lieber einen anderen Weg, nachdem ihr der Leistungsdruck im Gesangsstudium zu massiv war. Sie absolvierte eine Schreinerlehre.

Heimspiel: Wandleuchte aus einem alten Fußballtrikot. ©lumbono

Kennengelernt haben sich die beiden dreifachen Mütter auf einem Elternabend im Kindergarten. Andrea nähte damals Kinderkleider, Britta bestickte Kissen. Ihr Können bündelten sie in Zick + Zack. Ihre Werke kamen gut an, immer mehr Leute aus dem Ort brachten ihnen ausrangierte Vorhänge, Stoffe und Spitzen aus Nachlässen, zum Teil 100 Jahre alt. Aus einer Neurieder Kaffeerösterei beziehen sie Kaffeesäcke, aus denen Lampen und Taschen entstehen. Ein belgischer Postsack fand in einem Hundehalsband seine neue Bestimmung. Britta lacht. „Wir haben immer neue Ideen. Die Stoffe selbst inspirieren uns. Sie erzählen Geschichten und wir erzählen sie weiter. Alles ist erlaubt. Unsichtbares darf sichtbar werden, wie zum Beispiel Nähte. Und aufgesetzte Hosentaschen oder Reißverschlüsse werden in anderer Form wiederverwendet“. Die neueste Entdeckung: Fußballtrikots. „Nach der Spielsaison sind sie nutzlos, aber viel zu schade zum Wegwerfen“.

Ausgezeichnete Qualität

„Wir werden oft in die Hausfrauen-Mütter-Ecke gesteckt. Umso stolzer sind wir, dass wir mit Lumbono einen so großen Erfolg haben“, resümiert Andrea. Sogar das erste klimapositiv-zertifizierte Hotel Europas, das Creativhotel Luise in Erlangen, hat seinen Konferenzraum mit Lumbono-Leuchten ausgestattet. Und: Im Dezember 2016 war das Start-up Finalist des Wirtschaftspreises des Landkreises Starnberg, Anfang 2017 wurde es mit dem Best-of-Houzz-Award für Kundenzufriedenheit ausgezeichnet.

Der erste Lampenschirm aus dem Segel auf dem Tisch ist fertig genäht. Die handwerkliche Arbeit ist momentan jedoch eher zweitrangig. Jeden Tag warten neue Herausforderungen, etwa Vertriebswege aufbauen und dabei die richtigen Partner finden. Andrea und Britta sind wählerisch: „Wir wollen nicht in jedem Laden vertreten sein“. Auch die Trennung muss deutlich sein. „Lampen laufen unter Lumbono, der Rest unter Zick + Zack“, erklärt Andrea. Auch die soziale Komponente beziehen die beiden immer ein. Für gelieferte Postsäcke spenden sie einen Teil des Erlöses an eine Hilfsorganisation für Opfer des Reaktorunglücks in Tschernobyl, für die Trikots könnte es eine Sporteinrichtung für Kinder oder Ähnliches werden. „Kooperationen sind unsere Stärke. Wir schauen immer, dass nicht nur einer damit verdient, sondern alle etwas davon haben“, sagt Andrea. Ein wirklich leuchtendes Vorbild.

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