Portrait: Julia Post, Gründerin von Coffee to go again

Die letzten Wochen waren anstrengend für Julia Post: Am Freitag Runder Tisch im Bayerischen Umweltministerium, in den Tagen zuvor Termine auf der Europäischen Woche der Abfallvermeidung in Berlin und im nordrhein-westfälischen Landesumweltministerium in Düsseldorf. Nein, die 27-Jährige ist keine Politikerin – obgleich sie einen Bachelor in Politik- und Verwaltungswissenschaften hat, Vorstandsmitglied beim Münchner Bündnis90/Die Grünen ist und im Münchner Wahlkreisbüro eines Bundestagsabgeordneten arbeitet.

Julia Post ist Initiatorin des Projekts Coffee to go again.

Julia Post nimmt lieber Porzellan statt kunststoffebschichtete Plastikbecher für ihren Coffee to go. Quelle: coffee to go again/©Andreas Gregor
Julia Post nimmt lieber Porzellan statt kunststoffebschichtete Plastikbecher für ihren Coffee to go. Quelle: coffee to go again/©Andreas Gregor

Die Idee ist simpel: Für den Kaffee zum Mitnehmen einfach seinen mitgebrachten Mehrwegbecher füllen lassen statt angebotene Pappbecher. Nicht in allen Coffee-Shops wird das gerne gesehen, deshalb hat sich die pfiffige Münchnerin ein Erkennungsmerkmal für teilnehmende Cafés und Bäckereien ausgedacht: Ein selbstklebendes Coffee-to-go-again-Logo, angelehnt an den Grünen Punkt und entworfen von einer befreundeten Grafikdesignerin. Wer es an seine Scheibe klebt signalisiert damit: Hier bist du mit deinem eigenen Becher willkommen.

„Ich sehe mich als Social Entrepreneur“

Im März 2015 fiel der Startschuss. Mittlerweile ist Coffee to go again so erfolgreich, dass die Studentin immer öfter zu umweltpolitischen Veranstaltungen eingeladen wird, um das Projekt vorzustellen. Keine Politikerin, aber Umweltaktivistin? „Das trifft es nur zum Teil.“ Die junge Frau lächelt und erklärt mit fester, angenehm dunkler Stimme: „Ich sehe mich eher als Social Entrepreneur.“ Also jemand, der aktiv Verantwortung für seine Umwelt übernimmt. Einmal kurz die Welt retten? „Nicht übertreiben“, meint sie lachend. Aber zumindest die Städte vor der Abfallflut von Coffee-to-go-Bechern.

Geplant war das Ganze nicht. „Es fing damit an, dass mir der Kaffee in der Kantine nicht geschmeckt hat. Also ging ich los, um mir draußen in einem Café einen zu holen. Den gab’s natürlich im Pappbecher“, erzählt Julia. Und das wiederholte sich dann Tag für Tag. „Irgendwann fiel mir auf, dass ich da ziemlich viel Müll produziere. Erst habe ich angefangen, einen richtigen Löffel zum Umrühren zu nehmen statt so einem Plastikstäbchen. Dann habe ich meine eigene Thermoskanne mit Kaffee von zu Hause mitgenommen.“ Das war Anfang 2015. Ihre Internetrecherche nach Zahlen zu den Müllmengen, die durch den Konsum von Coffee to go im Pappbecher anfallen, blieb damals erfolglos. Inzwischen wurden sie von der Deutschen Umwelthilfe veröffentlicht: Bundesweit rund drei Milliarden Einwegbecher jährlich!

Coffee to go again kommt gut an

Julias Augen hinter den Brillengläsern fangen an zu funkeln, als sie sich an den Septembertag 2015 erinnert, an dem sie zum ersten Mal durch Münchens Straßen lief, um Gastronomen für ihr Projekt zu begeistern. So lange hatten die Vorbereitungen gedauert: Facebookseite erstellen, Training für das Durchführen von Projekten absolvieren, Logo entwerfen, Aufkleber produzieren und einiges mehr. „Am Ende des Tages hatte ich 20 Zusagen – das war sehr motivierend!“ Inzwischen sind es 360 Teilnehmer bundesweit und darüber hinaus. „Sogar in Husum und in Wien!“, freut sie sich. Nordfriesen und Österreicher vereint im Umweltschutz.

In diesem Video erklärte Julia Post vor rund  fünf Monaten, was sie von ihrem Pojekt erwartet. Quelle: Youtube

Jeder kann Botschafter für das Projekt werden

Wie sie sich den Erfolg erklärt? Sie errötet und sucht nach Worten. Obgleich stolz über ihre Leistung bleibt sie bescheiden. „Viele Leute hat beeindruckt, dass ein einzelner Mensch einfach mal etwas macht, dass hinter mir keine Umweltinstitution oder ein Verein steht“, sagt sie schließlich. Und: Es sei etwas, bei dem man selbst mitmachen kann, ob als Gastronom oder „Botschafter“. Denn die Anwerbung von Coffee-Shops kann jeder übernehmen, jede neue Beteiligung postet Julia als Dankeschön in ihrem Blog. Das Material schickt sie Interessenten zu – gegen eine kleine Gebühr. „Nach etwa einem Jahr wurden mir die Kosten zu hoch“, sagt sie fast entschuldigend. Porto und Aufkleber zahlte sie bis dahin aus eigener Tasche. Eine Crowdfunding-Aktion im Sommer dieses Jahres brachten ihr fast 13.000 Euro ein. Seitdem gibt es auch Flyer mit allen Infos rund um Coffee to go again.

Deutlichere Signale seitens der Politik gewünscht

Rundum zufrieden ist die Studentin, die derzeit einen Master in Governance anstrebt, aber noch nicht. Mit ernstem Gesicht und resoluter Stimme fordert sie „ein politisches Signal zur Lösung der Einweggeschirr-Problematik“. Das werde für ihren Geschmack bisher noch nicht deutlich genug gesendet. Freiwillig und selbstverpflichtend für Konsumenten, wie es die Umweltminister der Länder momentan befürworten, sei gut und schön, aber zu wenig: „Möglichst bald sollte Einweggeschirr besteuert werden und langfristig gesehen muss auf ein bundesweites Pfandsystem für Mehrweggeschirr umgestellt werden.“

Klingt da nicht doch etwas die Politikerin durch? Zusammen mit ihrer Mutter Anna Verena Post, Therapeutin und systemischer Coach, veranstaltete sie im Oktober einen Workshop zum Thema Konsum. „Das hat auch sehr viel mit Coffee to go again zu tun“, erklärt Julia. „Die Einwegbecher sind ein Symbol für unseren Lebensstil, für unser gedankenloses Konsumverhalten, das der Umwelt schadet. Andererseits ist Konsum auch die Basis für unseren Wohlstand. Wir stecken also in einem Dilemma.“ Da helfe nur ein Wandel in der Gesellschaft hin zu ökologisch-sozialem Denken und Handeln.

Die Chronik von Coffee to go again als Buch

Dass es bei ihrer Initiative um weit mehr geht als um Müllvermeidung, Ressourcenschonung und CO2-Reduktion, will sie in ihrem Buch zeigen, das voraussichtlich im Januar 2017 erscheinen wird: „Im Juli dieses Jahres hatte ich in München zu einer Veranstaltungsreihe mit meinen Projekt-Partnern Whale and Dolphin Conservation, Pro Regenwald und Nord Süd Forum München, sowie der bayerischen Landtagsabgeordneten Katharina Schulze und meiner Mutter eingeladen. Sie alle kommen im Buch in Interviews zu Wort und beleuchten das Thema Coffee to go von allen Seiten – von den Auswirkungen des Plastikmülls auf unsere Meere bis hin zu unserer To-go-Mentalität.“ Darüber hinaus werde das Werk eine Art Coffee-to-go-again-Chronik.

In der Vorweihnachtszeit bleibt der engagierten Studentin also noch viel zu tun. „Das Projekt wird mich ohnehin noch eine ganze Weile beschäftigen“, meint sie. Und wenn es keine Pappbecher mehr gibt? Sie lacht. „Dann werde ich neue Themen finden, denen ich mich widmen kann.“ Konkret habe sie noch nichts geplant. Aber ihre berufliche Zukunftsvision ist: „Mit etwas Sinnvollem meinen Lebensunterhalt verdienen, zum Beispiel solchen Projekten wie Coffee-to-go-again.“

©Sybille Föll

Die Karte der Teilnehmer von Coffee to go again finden Sie hier.

 

 

4 Comments

  1. Ich bin junger Gastronom und möchte bei mir „coffee to go again“ umsetzten. Ich würde gerne einfache und wiederverwendbare Becher mit Deckel aus Kunststoff oder anderen Materialien zum Kauf oder per Pfand anbieten, die ich leer und gebraucht am nächsten Tag wieder entgegen nehme und durch gefüllte saubere austauschen würde. Leider finde ich keinen kostengünstigen Becher um in meiner Gaststätte einen Pool von ca. 200 Stück anlegen zu können, schade….!

    1. Sybille Föll

      Lieber Herr Kaser, das kann ich mir kaum vorstellen, da es immer mehr Hersteller von solchen Bechern gibt. Haben Sie auch meinen Artikel „Coffee to go: Einwegbecher adé“ gelesen? Da finden Sie vielleicht Anregungen. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg bei der Umsetzung! Es wäre wirklich jammerschade, wenn Ihr guter Wille am Geld scheitern sollte.

  2. barbara held

    hallo, wir möchten als kleiner imbiss bei der kampange“ coffee to go again“ mitmachen , woher bekommen wir denn die aufkleber?
    lieben gruss
    barbara held

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