Studenten lernen: Reparatur ist die Zukunft

Drei Jahre lang lag der abgebrochene Hals einer Westerngitarre bei Daniel Werner in der Ecke. Einfach so. Irgendwie zu schade zum Wegwerfen. Vielleicht könnte man ja daraus noch was machen. Heute Abend steht der 26-Jährige über den Tisch gebeugt vor Publikum im Foyer der Fakultät für Architektur der Hochschule München und entlockt einer Slideguitar sphärische Klänge. Oben: der alte Hals seiner Westerngitarre, montiert an eine Holzlatte, die er bei den Eltern im Schuppen fand und gebeizt hat. Der Tonabnehmer stammt von einer kaputten E-Gitarre; den Bottleneck, mit dem er über die Saiten gleitet, hat der Design-Student mit einem 3-D-Drucker hergestellt.

Aus dem Hals einer kaputten Westerngitarre bastelte Daniel Werner eine Slideguitar. Foto: ©Sybille Föll
Reparatur – Anstiftung zum Denken und Machen

„Das Spielen darauf habe ich mir selbst beigebracht“, erzählt Daniel kurze Zeit später im Gang zu den Hörsälen, wo er sein Instrument im Rahmen einer Ausstellung präsentiert. Sie zeigt reparierte Objekte des täglichen Bedarfs aus vier Jahren Wahlkurs „Reparatur“ bei Silke Langenberg. Pünktlich zur feierlichen Abschlussveranstaltung hat die Professorin für Bauen im Bestand, Denkmalpflege und Bauaufnahme ein Buch herausgegeben, in dem 80 Arbeiten dokumentiert sind: „Reparatur – Anstiftung zum Denken und Machen“. Da ist zum Beispiel der alte Gasherd, an dem zwei Regler zu Bruch gegangen waren. Deswegen das gute Stück gleich auf den Müll werfen? Mit vier neuen Reglern aus orangem, biologisch abbaubarem Kunststoff aus dem 3D-Drucker ist der Herd nun wieder funktionstüchtig – und sieht auch noch stylisch aus. Alte Ledertaschen wurden geflickt, Lampenschirme ersetzt, aus einem ehemaligen Aufzugs-Ventilator entstand ein Tischventilator.

Alte Dinge wertschätzen ist Zukunftsdenken
3D gedruckte Regler für einen alten Gasherd © Tiago Alves Machado, Hochschule München

„Wozu so einen Aufwand betreiben? Etwas Neues kaufen ist doch viel einfacher!“, wird sich mancher denken. Und: dass Reparieren nur etwas für Spinner, Weltverbesserer, Gutmenschen ist. Nein! Leute, die sich auf dem Flohmarkt ein altes Röhrenradio kaufen, weil sie ein schönes Objekt haben möchten, ein altes Objekt, eines, das reparierbar ist und lange hält, sind für Professor Wolfgang Martin Heckl Vordenker, die „analoge Avantgarde“. Der Generaldirektor des Deutschen Museums München und Inhaber des Oskar-von-Miller-Lehrstuhls der Technischen Universität ist überzeugt: Es muss ein Umdenken in der heutigen Wegwerfgesellschaft stattfinden, schreibt er im Vorwort zu Langenbergs Buch. Denn sonst könnte es angesichts knapper werdender Ressourcen irgendwann zu aggressiven Verteilungskämpfen kommen. Die weltweite Produktion seltener Erden beispielsweise, die für die Herstellung von Akkus benötigt werden, ist nur auf wenige Länder verteilt, die Begehrlichkeiten sind groß. Aber auch viele andere Ressourcen wie Holz und Wasser sind endlich.

Recycling und Upcycling sind also angesagt. Das hat durchaus auch ökonomische Vorteile: „Reparieren spart Geld. Die Slideguitar hat mich null Euro gekostet!“, sagt Daniel. Zudem hat das Tüfteln Spaß gemacht und er hatte schon einige öffentliche Auftritte mit seinem außergewöhnlichen Instrument.

Ästhetischer Mehrwert durch Reparatur
Gebrochener Schirm einer Bankerlampe, zerlegt © Eva Vorderobermeier, Hochschule München
Bankerlampe nach der Reparatur mit 3D gedrucktem Schirm © Eva Vorderobermeier, Hochschule München

Nicht immer bedeutet Reparatur, einen kaputten Gegenstand wieder in seinen Urzustand zu versetzen, wie Daniel und viele andere Studenten bewiesen haben. Manchmal entsteht daraus etwas Neues oder die Dinge werden einfach schöner, wie etwa die Kopfhörer, deren brüchige, schwarze Plastikhalterung durch goldglänzendes Metall ersetzt wurde.

Von Anna Staudachers desolatem Rattanstuhl ist nur noch das Gestell original. Dass die 24-Jährige für die Bespannung fünf Wochen brauchte, lag an ihrem außergewöhnlichen Denkansatz: „Der Stuhl hatte ein schönes Muster in der Rückenlehne, das wollte ich anfangs unbedingt in die Reparatur mit einbeziehen. Also habe ich die Reste des Rückenteils mit einem Nährmedium bespannt und Pilze darauf wachsen lassen“, erklärt die Studentin im sechsten Semester Industriedesign. Aus hygienischen Gründen verwarf sie das Ganze jedoch wieder, zumal die Bespannung nicht stabil war. „Danach habe ich verschiedene Materialien ausprobiert, vom Gartenschlauch bis zur Wäscheleine. Letztendlich habe ich mich für eine Bootsleine entschieden, weil sie flexibel genug zum Bespannen ist und gleichzeitig belastbar.“ Nun leuchtet ihr Stuhl in Signalorange und ist zum Design-Objekt avanciert.

Umdenken auch in der Architektur notwendig

Aber was hat das Reparieren von kaputten Gitarren, Stühlen und Lampen mit Architektur zu tun?

„Wir wenden viel Energie auf das Herstellen neuer Dinge auf, aber nicht auf deren Reparatur. Das gilt auch im Bauwesen. Oft werden billige Baumaterialien verwendet und schon nach wenigen Jahrzehnten müssen die Häuser wieder abgerissen werden. Langfristig werden wir jedoch damit ein Problem bekommen, weil die Ressourcen knapper werden“, sagt Langenberg – selbst Sand, der für die Herstellung von Beton benötigt wird. Sie möchte die Studenten motivieren, später im Berufsleben die Reparaturfähigkeit von Gebäuden in ihren Plänen zu berücksichtigen; langlebigere und abschleifbare Holz- statt Kunststofffenster verwenden zum Beispiel, oder ersetzbare Materialien in der Bausubstanz. Dazu muss aber erst einmal ein Bewusstsein für den Wert von Dingen geschaffen werden. Und das funktioniert am besten durch Erleben und Erfahren. „Eine wichtige Erkenntnis für die Teilnehmer des Kurses war: Viele neue Sachen lassen sich überhaupt nicht reparieren“, so Langenberg. Zum Beispiel das verschweißte Handy, bei dem sich nicht einmal der Akku wechseln lässt. Oder der Toaster, der sich nur mit Hilfe von Spezialwerkzeug öffnen lässt. Mit alten Geräten hingegen gab es selten Probleme.

Wegen des großen Erfolgs soll der Kurs künftig dauerhaft an der Hochschule etabliert werden und Studierenden aller Fakultäten offen stehen.

 

Buchtipp

Für alle Reparaturwilligen außerhalb der Hochschule bietet das Buch „Reparatur – Anstiftung zum Denken und Machen“ viele Anregungen für die Wiederherstellung von Omas Stuhl, den alten Wasserkocher vom Flohmarkt oder die Lampe mit dem zerbrochenen Schirm. 80 Studenten fotografierten ihre Werke selbst – vorher und nachher – und beschreiben, wie sie die Dinge reparierten, sowohl handwerklich als auch mit Hilfe digitaler Fabrikationstechniken wie dem 3-D-Druck.

Silke Langenberg: Reparatur – Anstiftung zum Denken und Machen; Verlag Catje Hantz, 432 Seiten, 305 Abb., 25 Euro, ISBN 978-3-7757-4397-6

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