Verpackungsfreier Supermarkt – Hannah Sartin über „Ohne“

Vor gut einem halben Jahr eröffneten Hannah Sartin, 31, ihr Mann Carlo Krauß, 33, und Christine Traub, 30, „Ohne“ in der Schellingstraße 42, Münchens ersten verpackungsfreien Supermarkt. Hannah Sartin über ein müllfreies Leben:

Frau Sartin, gefällt den Münchnern das „Nudel zapfen“?

(lacht) Ja, allerdings! Es kommen immer mehr. Was mich aber besonders freut: Wir haben eine beständige Stammkundschaft und viele dieser Kunden kommen von außerhalb – eine Dame sogar vom Bodensee. Wir planen jetzt weitere Filialen im gesamten Stadtgebiet. Momentan suchen wir nach geeigneten Flächen.

©S. Föll
Glas statt Plastik: Im Ohne-Laden kann man seinen Reis oder sein Müsli zapfen. ©S. Föll

Wer hatte die Idee mit den riesigen Glasbehältern und dem Zapfhahn?

Mein Mann. Er hat sie entwickelt und patentieren lassen. Sie werden ausschließlich in München und dem Umland gefertigt. Bis auf Spaghettis können wir darin wirklich alles an Trocken-Waren verkaufen, von Spirellis und Reis über Hülsenfrüchte und verschiedene Getreidesorten bis hin zu Nüssen und Müsli.

Speiseöle und Essige kann man sich aus Edelstahlkannen abfüllen.

Was ist die häufigste Frage, wenn ein Kunde zum ersten Mal in den Ohne-Laden kommt?

„Wie nehme ich die Sachen mit?“ Dann antworte ich: „Kein Problem, wir haben alles da.“ Wer vergisst, eigene Behältnisse von zu Hause mitzubringen, kann welche bei uns kaufen oder leihen. Unser Fokus liegt ganz klar auf „plastikfrei“. Wenn das aufgrund schneller Verderblichkeit nicht möglich ist, greifen wir auf Produkte im Glas zurück. Wir sind der erste plastikfreie Unverpackt-Laden in Deutschland. Teilweise nutzen wir auch das Pfandsystem. Unsere Philosophie ist „Zero Waste“, also null Abfall.

Das praktizieren Sie auch privat, richtig?

Ja, wir haben zu Hause unseren Restmüll abgeschafft.

Wie machen Sie das?

(lächelt) Das können Sie bald in unserem Buch „Zero Waste“ nachlesen, das im Januar im MVG Verlag erscheint.

Halten sich Ihre Kinder auch an die Philosophie?

Unsere Töchter sind zwei und vier Jahre alt, sie wachsen damit auf, es ist normal für sie. Eine nette Anekdote: Als unsere Ältere im Kindergarten ihr Stofftaschentuch herauszog, bot ihr ein Mädchen voller Mitleid ein Papiertaschentuch an. Sie dachte, wir wären so arm, dass wir uns die nicht leisten können. Wir sind schon gespannt, wie es in der Schule wird.

Wenn es immer mehr essbare oder kompostierbare Verpackungen geben wird, sind Ohne-Läden dann hinfällig?

Nein, das werden sie niemals sein. Unsere Kunden schätzen an dem Konzept auch, dass sie die Menge selbst bestimmen können. Das ist sowohl für allein Lebende als auch Großfamilien wichtig – und wirkt der Lebensmittel-Verschwendung entgegen. Das ist uns ebenso wichtig wie plastikfreie Verpackungen.

Verschiedene Bio-Speiseöle und Essigsorten füllt Hannah Sartin aus Edelstahlbehältern ab. Foto: ©S. Föll
Verschiedene Bio-Speiseöle und Essigsorten füllt Hannah Sartin aus Edelstahlbehältern ab. Foto: ©S. Föll

Es wird immer wieder darüber gestritten, ob Glas tatsächlich umweltfreundlicher ist als zum Beispiel Tetrapack. Was sagen Sie dazu?

So lange es keine echte Alternative gibt, ist Glas für uns die nachhaltigste Lösung. Die Lebensdauer ist „lebenslang“, wenn man das möchte. Auch wenn die Herstellung einen höheren Energieaufwand bedeutet, ist Glas doch zu hundert Prozent recycelbar, was man von Kunststoffen nicht immer behaupten kann.

Transportwege spielen ebenfalls eine große Rolle bei der Ökobilanz. Woher beziehen Sie Ihre Produkte?

Möglichst von Bio-Bauern aus der Region. Wir sind ja ein zertifizierter Bio-Markt. Aus dem Chiemgau etwa kommen alte Getreidesorten und Beluga-Linsen, aus Erding Pasta und Getreide. Unsere Eier erhalten wir vom Billesberger Hof in Moosinning, der sogenannte Zweinutzungshühner hält. Das bedeutet, die männlichen Küken werden nicht geschreddert, wie es in anderen Betrieben üblich ist, sondern erst nach 150 Tagen geschlachtet und als Brathähnchen verkauft. Außerdem arbeiten wir mit dem Münchner Start-up Etepetete zusammen. Es rettet Obst- und Gemüse, das nicht ganz so perfekt aussieht, etwa krumme Zucchini oder Zitrusfrüchte mit Macken an der Schale, und in den Supermärkten unerwünscht ist. Etepetete sammelt es von Bio-Bauern ein, macht daraus vegane Speisen oder verkauft es an Kunden, die wissen, dass die Optik für den Geschmack nicht relevant ist, und rettet es so vor der Vernichtung. Alles ist natürlich nicht in der Nähe erhältlich, da nutzen wir – wie andere Biomärkte auch – andere Quellen.

100 Gramm Bio-Spaghetti kosten bei Ihnen 34 Cent. Das ist ein moderater Preis, trotzdem können oder wollen sich das viele Menschen nicht leisten. Bleibt also Einkaufen im Ohne-Laden ein Privileg der Besserverdienenden?

Wenn Bioqualität Standard werden würde, würde sich auch die Preispolitik der Lebensmittelhersteller ändern. Das ist ein Punkt. Ein anderer: In kaum einem anderen europäischen Land sind Lebensmittel so billig wie in Deutschland. Verbraucher haben daher schon die Erwartung, für wenig Geld ihren Einkaufskorb füllen zu können. Das Handy darf dann ruhig einige hundert Euro kosten. Das sind verdrehte Wertvorstellungen. Das Bewusstsein der Menschen muss sich einfach ändern. Im Hinblick auf Müllvermeidung und Wiederverwertung tut es das langsam, habe ich den Eindruck.

Buchtipp:

Hannah Sartin, Carlo Krauß: Zero Waste. Wie wir es schaffen, ohne Müll zu leben. Softcover, 200 Seiten, 16,99 EUR, mvg Verlag, ISBN: 978-3-86882-721-7 (lieferbar ab Januar 2017)

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